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Eine Ostergeschichte

Es war wohl einer dieser frühen Frühlingstage, wo der Windhauch die dünnen Ästchen der Haselnuss schüttelt, die Würmchen daran ihren ersten staubgelben Pudersamen auf die Knospen am Strauch pusten. Narzissen und Krokusse leuchten wie Farbkleckse unter einer dicken, aus dem letzten Jahr liegen gebliebenem Laub hervor. Und tausende Schneeglöckchen säumen einen Teppich gleich, den Eingang zum Waldesrand.

Da hinein schlenderten Hand in Hand die kleinen Freundeskinder, mit geschnürtem Lederschuh und dicken Socken bis zum Knie. Die wollige Pudelmütze auf dem Kopf, und das lockige Haar darunter krabbelt sich zurecht, ein Strahlen in den Wangen und mit den Augen voran. Die Mäntelchen wehend weit offen, damit der Wind auch die Arme streichelt. Große Schritte durch den Waldboden, den Weg entlang, über das Knistern der Ästchen. Das Grün in allen Farben, vom Braun dominiert, und doch ganz hell und weit. Warm. Ein Spätnachmittag wo die Sonne schön tiefer, nah den hohen Baumkronen der alten Weisen, steht. Und doch, weil noch unbelaubt durch ihre rankelnden, tanzend scheinend und holzig mächtigen Baumarme, strahlt. Die herrlichen Sonnenstrahlen durchdringen alles was ist, die Bäume, den Boden, die Luft, die Seele, alledem was lebendig.

Und so spazierten die zwei, zeitvergessen die Wege am Feldrand entlang, um die Ecke an großen Feldsteinen, den Findlingen vorbei, ließen Wasserlöcher in der Ferne ihre malerische Schönheit, und den Rehen im Rudel ihre friedliche Nahrungssuche.  

An der letzten Ecke tief im Wald, an der äußersten Kreuzung an einer Lichtung warf die Sonne einen besonders wärmenden Lichtkegel ins Gras. Hier war der rechte Platz, sich auszuruhen. Es sollte ein kurzer Moment sein. Hinsetzen, atmen- glücklich das Wetter geniessen, bevor es nach Hause geht. Und die beiden ließen sich fallen, ins Moosbett.

Ganz in ihrer Achtsamkeit versunken nahmen sie neben sich einen alten, riesigen Baumstumpf wahr. Gigantisch, die abgebrochenen Zacken ragten in den Himmel. Einer Festung gleich. Und drum herum Aufgetürmtes, wie braunes Sägemehl, aber grob, sandig, mit vielen kleinen Hügeln und… es bewegte sich.

Es war ein Waldameisenhügel.

Natürlich erkannten sie den sofort, wohl jeder kannte so etwas. Und die beiden hatten einiges darüber gelernt, wussten vieles. Hörten von den guten Dingen die Ameisen herstellen, hörten deren Besonderheiten, lernten dass es richtige Völker mit Strukturen gibt, Königinnen, Arbeiter, Soldaten. Und wussten auch, diese waren selten geworden in einer Zeit, wo andere Werte natürliches zerstören. Aber so richtig nah gekommen waren sie so einem mächtigen Ameisenhaufen noch nicht.

Ganz ungestüm, mutig und dennoch ganz zart, näherten sie sich mit Augen, Nasen und Ohren – mit all ihren kindlichen Sinnen diesem Hügel… wollten genau hinsehen. Und aus der Fläche wurde eine kleine Welt. Sie sahen Wege und Tunnel, Schächte und Berge. Und Gewimmel. Und mit ihren kleinen Fingerchen schoben sie einige Blätter hinweg. Und eine Fingerkuppe berührte einen trockenen Grashalm, ein altes Buchenblatt.

Und plötzlich fiel ein Strahl der langsam untergehenden Sonne auf den Ameisenhaufen, genau auf das was unter dem Blatt hervor trat. Es blitzte den Beiden entgegen, ein Reflex der  auffunkelte, kurz wie ein Regenbogen Pfeil in den Blick  stach. Heraus aus dem Einheitsbraun des mächtigen Hügels. Was war das? Ein Glasstückchen?

Es war ein einzelner Schmetterlingsflügel! Der schimmerte. Der still bunt leuchtete.

Schweigend setzten sich die Kinder vom Wunder staunend betört noch näher an diese Stelle. Und als sie die Augen schlossen und ihre Gedanken befragten, wie dieser Flügel dahin gekommen sein mag, hörten Sie in sich eine Geschichte.

*

Die Geschichte vom verlorenen Schmetterlingsflügel

Es war einmal ein Schmetterling. Dieser Schmetterling zog wie viele zu seiner Zeit hinaus in die Welt und eben in diesen großen Wald. Auf der Suche nach seinem Glück, das besondere zu finden. Und wie er da so durch die blühende Landschaft flatterte, fiel im plötzlich dieser riesige Ameisenhaufen auf. Und auch er hatte von seiner Besonderheit gehört, den Dingen was sie tun und wie nützlich sie seien.

Und da entschied er, bei denen zu bleiben, in ihrer Nähe. Und ganz wie seine Natur und der Hofstaat es ihm aufgetragen hat , tat er sein bestes, mit seinem Wesen flatterte er in seinen schönsten Farben um den Ameisenhaufen herum. Er verzückte jeden Wanderer und lud diese ein, sich das Wunder des Ameisenhaufens behutsam zu betrachten. So mehrte er die Berühmtheit dieses einen Volkes im Wald. Und das tat er mit allem Glück, hatte er doch auch für sich eine Art Heimat gefunden, eine Aufgabe und Sinn. Und der Schmetterling freute sich über das Wachsen des Haufens und erlebte die Zeit aus seiner Sicht. Und der Ameisenhügel gab ihm einen eigenen Namen und verbannt sich sehr eng mit ihm. Und lange ging alles gut, es kamen Sommer und Winter. 

Und wie es ist kam über die Zeit, auch Veränderungen. Manchmal musste er sich inzwischen auch ausruhen, setzte sich flatternd auf dem Ameisenhaufen nieder. Und so kam er mit einigen über Manches in Austausch. Sie sahen sich an und kamen sich nah. Nur mit der Verständigung war es natürlich etwas schwieriger, weil die Schmetterlings- und Ameisensprache sehr ungleich sind. Was natürlich nicht schlimm ist, man musste sich nur etwas Mühe geben, sich verstehen zu wollen.

Und so entstanden Begegnungen, es gab wahrhafte Gespräche. Es war interessant und bereichernd – die unterschiedlichen Geschichten zu hören. Der Schmetterling erzählte von der Welt da draussen und die Ameisen von der unerschöpflichen Welt da drinnen. 

Die Königinnen wechselten und irgendwann entschied man, dass der gelobte Schmetterling nicht mehr so viel im Außen flattern solle. Also berief man ihn in den Staat. Das ging nicht sehr gut. Wo sollte er mit seiner Art, Form und Lebendigkeit hin. So anders mit seinen Flügeln. Nein, auch einige der großen Ameisen haben Flügel, auch die Wächter. Aber andere. Auch die Königinnen haben Flügel. Aber diese sind nicht so sperrig, leuchtend bunt und liegen eher flach am Körper.

Ausserdem gewann der Schmetterling durch seine Veranlagung hoch fliegen zu können auch Einblicke aus Sphären, welche manch Ameisen Königin wohl nicht erreicht. Soll er wirklich einen anderen Blick haben? Wollten die Königinnen selbst am meisten leuchten? Der Schmetterling hier sollte so besser nicht sein, so dachte man.

Also beschloss man, dem Schmetterling seine Flügel zu nehmen. Und wie man sich dann dessen Körper besah, dachte man- ja, ohne Flügel könnte der Schmetterling in unserem Ameisenbau auch als grosse Ameise durchgehen. Wer merkts? Gedacht, getan.

So lag nun der Schmetterling ohne Flügel mal froh, mal traurig in seiner gefundenen Welt, die er vorher nur von außen kannte. Er versuchte sich mitzuteilen. Aber natürlich wollte man selten wissen, warum der Schmetterling ohne Flügel war. Jeder hatte seine Aufgaben und Wege, die viel zu oft irgendwann Tunnel werden. Man verlor sich.

Seine Flügel hatte man versteckt, denn sie waren wie bunte Spiegel. Manchmal kam es vor das sich einige Ameisen darin betrachteten. Es wurde gemunkelt, das dieses etwas in ihnen auslöste. Manchmal leuchten auch die Farben kurz durch die Gänge. Aber die Wächter und Königinnen wollten die Flügel versteckt wissen. Es schien oft eine magische Gefahr davon auszugehen. Waren es die fremd schillernden Farben, war es die Art eines Spiegels der Erkenntnis, Angst vorm reflektieren oder gar eine Art Märchen-Zauberspiegel? Der Schmetterling jedoch wusste das alles nicht, war er doch bemüht, ameisengleich zu sein. Und manchmal kam es vor, dass nur durch seine etwas andere Statur er die Wege der Ameisen kreuzte, man sich mit ihm austauschte und seine Geschichten hören konnte. So hatte er lange Zeit seine neue Bestimmung gefunden, tat was zu tun war. 

Bis irgendwann zu dem Tag, als alles änderte. Der Schmetterling erinnerte sich an seine Fähigkeiten. Es war ein Impuls aus seiner goldenen Mitte, denn sein Herz hatte er behalten. Und er entsann sich seiner ureigenen Kraft, seiner Magie, die ihm geschenkte Natur und einzigartigen Möglichkeiten.

Und so entschied er, sich zu verpuppen. Und er tat was er tun musste.

Über die Zeit spann sich ein unendlicher, feiner Faden um ihn herum. Ganz fest und haltbar, getränkt mit ewigem Wissen und Weisheit. Und dieser verwebte Faden machte das schützende Kokon. Im Inneren erwärmt vom Herzensfeuer und dem Geiste, vertrauen zu können, und dem Wissen, dass es eine Bestimmung für Schmetterlinge gibt.

So lies sich der flügellose Schmetterling in seinen Kokon, in seine eigene Welt inmitten des Ameisenhaufens vertrauensvoll fallen. 

Und als sie Zeit gekommen war – entfaltete der Schmetterling seine neuen Flügel.

Kraftvoll- leuchtend- bunt. Und flog mutig davon, in wärmende Sonnenstrahlen hinein.

*

Die Kinder öffneten ihre Augen. Rosa Wölckchen im Kornblumenblau des Himmels verrieten den nahenden Abend und sie liefen schnell nach Hause.

Angekommen erzählten sie der Grossmutter was sie erlebt hatten, von dem gefundenen Schmetterlingsflügel und der Geschichte in ihrem Tagtraum.

Und die Grossmutter nahm die Kinder an die Hand. Sie ging mit ihnen in die uralte Stube. In der Ecke am Fenster steht ein kleiner Hausaltar mit schönen Dingen.

Und im Fensterrahmen, am alten Holz, neben einer kleinen Madonna, hängt etwas.

Und da sahen sie es. Sie erkannten es beim genauen betrachten.

Es ist ein Schmetterling. Er hat zusammengeklappte Flügel. Braun und ruhig. Im Innen sieht man prächtige Farben, sein Leuchten, dieses schöne Natur Wunder.

Und die Grossmutter sagt: „ Er schläft noch, es ist ihm noch zu kalt, … aber bald!“

Denn es ist Ostern. 

Und die Zeit für den Schmetterling wird kommen.

Und als sie die etwas enttäuscht-traurigen Augen, mit neugieriger Erwartung der Kinder sah, fügte Sie leise liebevoll ein Zitat aus einem „Peter Pan“- Film hinzu: 

„ habt fröhliche Gedanken, denn sie heben Euch in die Lüfte “

Peter Pan

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